Schiffe auf dem Tejo

Claude ist ein junger Maler, der des Lichts wegen nach Lissabon reist. Tag für Tag sitzt er in seine Bilder versunken auf dem Alto de Santa Catarina, einem Aussichtspunkt hoch über dem Tejo, bis er eines Tages dort die Bekanntschaft einer jungen Frau macht, die ihn vom ersten Augenblick an fasziniert. Etwas ist anders an diesem Mädchen mit dem traurigen Lächeln, spürt er innerlich, ohne daß er zu sagen vermag, was es ist. Doch er verliert die junge Frau genauso plötzlich aus den Augen, wie er sie getroffen hat. Claude, den eine unruhige Sehnsucht treibt, macht sich auf die Suche. Sein Weg führt ihn nicht nur durch Lissabon, sondern auch durch sich selbst.

Auszug aus dem ersten Kapitel

Farbenspiel

Wie jeden Nachmittag trank er einen schwarzen starken und sehr süßen cafezinho in der Bar O Adamastor, bevor er seine Mappe und die braune abgenutzte Schultertasche nahm und langsam, mit bedächtigen Schritten, die schmale Gasse zwischen den hohen Häusern entlanglief, als kämpfe er gegen eine ungeduldige und schwer bezähmbare Erwartung an, die ihm unangemessen schien. Dennoch beschleunigte er unwillkürlich seinen Gang, als er die hohen Bäume vor sich auftauchen sah, die sich im matten Licht wie dunkle Schatten ausnahmen.

Dann tat sich der Alto de Santa Catarina mit seinem weitläufigen Sonnendeck wie eine Oase vor ihm auf. Das Bairro Alto mit dem summenden singenden Lärm der Autos, eléctricos, Geschäfte, Bars und Passanten war verschwunden. Er setzte sich auf die niedrige Mauer, atmete durch und sog den Geruch der Stille tief in sich ein. Rostrot breiteten sich die Dächer von São Paulo, Madragoa und Lapa wie ein ruhiges unbewegliches Meer aus, aus dem die Antennen wie Schiffsmaste emporragten. Auf der Bank am anderen Ende des Platzes saß ganz in sich zusammengesunken eine in Schwarz gekleidete zerbrechliche alte Dame, die einen Schirm über ihrem schütteren Haar aufgespannt hatte, und vorne am Gitter lehnten ein junger Mann und eine junge Frau wie an einer Reling, die Augen in die Tiefe gerichtet. Zuweilen fegte eine leichte Brise über den Platz und wirbelte eine Handvoll welker Blätter auf, und aus diesiger Ferne, von weit hinter dem Horizont, erklang das Tuten einer Schiffssirene, das der Wind herübertrug.

Er packte seine Tasche aus, ganz langsam, als genieße er jede einzelne Bewegung, und baute den kleinen wackligen Zeichenbock mit dem Malleinen vor sich auf. Dann breitete er ein Handtuch neben sich auf dem Mauerabsatz aus, auf dem er sorgfältig seine Farbtuben, Pinsel und Kohlestifte anordnete. An den beiden Tischen mit den Holzstühlen oben an der Straße saßen heute ein alter und ein junger Mann, der eine in seine Gedanken, der andere in seine Studienbücher vertieft, und er spürte ihre neugierigen Blicke in seinem Rücken. Hier vorne war er oft fremden Augen ausgesetzt, doch er liebte diesen Platz, und stets saß er an derselben Stelle, vor dem geheimnisvollen Ungetüm aus Stein mit dem fratzenhaft verzerrten Gesicht.

Hier vorne war schon die salzige Nähe des Atlantiks zu spüren, hier vorne war der Blick weit und frei, unendlich verlängerbar und fern wie im Traum. Einer Möwe gleich, flog er über den Tejo, auf dessen blauem Spiegel winzige Silberflocken tanzten, hinüber zur outra banda mit den grauen Kränen und Docks der Lisnave und tastete sich am grünen Ufer entlang, wo der Cristo Rei stumm herübergrüßte. Dort verharrte er eine Weile, bevor er hinter den rot schillernden Wölbungen der Ponte de 25 de Abril in das Nirgendwo abtauchte, auf dem Weg nach Süden.

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