Das Dorf

Der Roman mit dem Arbeitstitel "Das Dorf" erzählt von der Übersetzerin Barbara, die Alltag und Job den Rücken kehrt und sich für einige Monate in den Alentejo zurückzieht. Sie gerät in eine kleine geschlossene Welt, die völlig anders ist als ihre eigene und sie fasziniert. Nach und nach lernt sie das Land, seine Menschen und ihre Schicksale kennen und findet dabei auch ihren eigenen Weg.  

Auszug

Als ich durch den Kettenvorhang ins O Recanto trat, schwappte mir eine Woge heiseren Gebrülls und eine dicke Schwade Rauch entgegen. Im Vorraum des Restaurants, das mit seiner fleckigen Theke, den einfachen Metallstühlen und zerkratzten Tischen wie eine heruntergekommene Bar aussah, hatte sich eine Handvoll Männer um den Fernseher geschart, der etwas erhöht an der Wand hing. Die Torszenen von gestern abend wurden noch einmal gezeigt, und der Kommentator schrie aus vollem Hals seine Begeisterung über die neuen Fußballmeister heraus. Die Männer diskutierten wild gestikulierend. Aus den Augenwinkeln schielten sie neugierig zu mir herüber, taten jedoch so, als hätten sie mich nicht bemerkt. Ich stand ein wenig unschlüssig. Sehr einladend wirkte diese Atmosphäre nicht. Endlich löste sich hinter der Theke ein kleiner breiter Schatten von der Wand.

"A senhora deseja comer?", fragte er und deutete auf den hinteren Saal, in dem sich das eigentliche Restaurant befand. Ich entschied, dem Urteil von Senhora Dona Branca Amélia zu vertrauen und setzte mich mit einem dankbaren Kopfnicken an einen der Tische. Doch am liebsten wäre ich sofort wieder aufgestanden. Der Raum sah aus, als sei er seit Wochen nicht geputzt worden. Die schmutzstarren Vorhänge waren gelbgrau vom Nikotin, und auf der Tischplatte ertasteten meine Finger klebrige Spuren von Wein, Bier und Fett. Eine unglaublich beleibte Frau in einem fleckigen blaugeblümten Kleid kam eilfertig aus der Küche gelaufen und wischte mit einem schmutziggrauen Lappen flüchtig den kleinen Bereich sauber, wo ich saß. Ich lächelte säuerlich, während am Nebentisch ein schwitzender Mann mit öligem Haar und fleischigen Fingern gierig gebackene Kartoffeln verschlang, die in einer rötlichbraunen Soße schwammen, und geräuschvoll von einem großen Knochen das Fleisch abnagte.

Skeptisch sah ich die fleckige Speisekarte durch. Der kleine Mann, der vermutlich der Besitzer dieses Etablissements war, kam auf mich zu und fragte, was ich essen und trinken wollte. "Não sei bem", antwortete ich mit einem verzweifelten Blick auf die handgeschriebene ementa, die ich nicht entziffern konnte. "Então vou-lhe aconselhar qualquer coisa, 'tá bem, dann werde ich Ihnen etwas empfehlen." Er sah mich mit einem leicht mitleidigen Blick an, wie mir schien, und ich fühlte mich nicht besonders wohl in meiner Haut. "Wie wäre es mit Hühnchen in Rosmarin?", schlug er vor, "das ist eine Spezialität unseres Restaurants. Muito muito bom." Er grinste, leckte über seine Lippen, machte mehrmals ah ah und streichelte wie zur Bestätigung über seinen etwas hervorstehenden Bauch. Dann kritzelte er mit wichtiger Miene ein paar Zeichen auf seinen Block, nachdem ich genickt hatte. "Dazu Weißwein und Wasser", brachte ich stockend hervor. "Sim, senhora", sagte er mit einer kleinen Verbeu­gung, bevor er im Befehlston ein paar unverständliche Worte Richtung Küche brüllte. Ich war mir nicht ganz sicher, ob er sich über mich lustig machte oder ob er sich so verhielt, um bei mir, der Fremden, Eindruck zu schinden.

Ich habe Israel Gouveia Barriguinha, so hieß er, nie anders als in seiner Uniform gesehen, wie seine Aufmachung scherzhaft genannt wurde, die aus grauen abgewetzten Flanellhosen, graukariertem Hemd und grauem Pullunder bestand. Äußerlich war alles grau an ihm, bis zu seinen graumelierten strähnigen Haaren, die er stets unter einer grauen Baskenmütze versteckte, und es wurde gemunkelt, er würde sie auch zum Schlafen nicht abnehmen. Er war von gutmütiger Natur, konnte es jedoch nicht ausstehen, wenn man ihn wegen dieser Mütze aufzog. Dann begannen die Flügel seiner Knollennase hektisch zu flattern, und seine eiswasserblauen Augen wurden dunkel vor Zorn. Es war ihm anzumerken, welch ungeheure Kraft er aufwenden mußte, um sich zu beherrschen. Doch wenn er gut aufgelegt war, konnte er stundenlang Anekdoten erzählen, und dann sonnte er sich vergnügt in der Aufmerksam­keit seiner Zuhörer. Auch brüstete er sich damit, daß er in seiner Jugend sehr gutaussehend gewesen war und den hübschen Mädchen den Kopf verdreht hatte. In seinen Augen funkelten gerissene Verschmitztheit und Bauernschläue, und er war ein Mann, der sich in jeder Situation zu helfen wußte. Israel Gouveia Barriguinha schloß mich in sein Herz so wie ich ihn in meines, und ohne seine Hilfe und Unterstützung wäre vieles weitaus schwieriger für mich gewesen.

Doch an diesem ersten Abend in Flor da Rosa konnte ich den kleinen Mann noch nicht einschätzen. Er war höflich und kümmerte sich um alle meine Wünsche, doch ich konnte mich des Gefühls nicht erwehren, daß er sich insgeheim fragte, was eine Frau mutterseelenallein in einer Kneipe mitten im Alentejo verloren hatte. Während ich auf das Essen wartete, versuchte ich angestrengt, der Unterhaltung im Barraum zu folgen, um meine Sprachkenntnisse zu verbessern, doch ich verstand nicht ein einziges Wort. Lesen konnte ich recht gut, aber vor dem alentejanischen Dialekt mit seinem singenden Tonfall musste ich kapitulieren.

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